Textunterlegung in der
Musik der Renaissance
 
   
 

2.2 Regeln und Ausnahmen

Gemeinsam ist allen genannten Theoretikern, dass sie sich ausdrücklich oder implizit ausschließlich auf Kompositionen mit lateinischen oder italienischen Texten beziehen [58]. Eine andere Gemeinsamkeit wird für die Systematik bei der Darstellung aller überlieferten Regeln wichtig: »They [die Theoretiker, d. Verf.] speak of notes, not about music, of syllables, not about words, so what about texts, what about the coherence of music and text, above all: what about text underlay strictly speaking?« [59] Diese pointierte Frage verdeutlicht nochmals, dass es sich beim Vorgang des »porre le parole sotto alle note« bzw. des »porre le Figure [...] sotto le Parole« um einen formalen handelt, bei dem sich die einzelnen Regeln für sich sinnvoll begründen lassen, in ihrer Gesamtheit aber nicht direkt einem höheren - nämlich ästhetischen - Zweck dienen. Aspekte der Textausdeutung gehören für die Theoretiker der Renaissance nicht in den Bereich der Textunterlegung. Die zusammenfassende Darstellung ihrer Regeln wird sich deshalb eines ebenso formalen Verfahrens bedienen: Der Systematik, die - als Ganzes - der Chronologie entbehrt und nur bei Besprechung der einzelnen Regeln und Ausnahmen deren historische Gültigkeit erörtern wird. Das sich ergebende Regelwerk ist bis auf wenige Ausnahmen in sich nicht widersprüchlich, denn die Mehrzahl der zu referierenden Aussagen stammt aus dem oben beschriebenen Theoretikerkreis, der zeitlich um Zarlino angeordnet ist.

Notenbeispiel: Ox, f. 4vOx, f. 4v

Die in vorliegender Studie verwendete Systematik liegt in dieser Form in keiner der Quellen vor. Sie wurde der Übersichtlichkeit halber gewählt und ergibt sich in ihrer abstrakten Form erst aus der Interpretation der Theoretiker [60]. Viele Regeln könnten in mehreren Abteilungen des Schemas angeführt werden, insbesondere sind »aufführungspraktische« und »kompositionstechnische Regeln« nicht so scharf voneinander zu trennen, wie durch die Gliederung suggeriert wird. Die Vorschriften als solche sollten sowohl vom Komponisten als auch vom Sänger beachtet werden, doch der Adressat der einzelnen Belehrungen durch den Theoretiker lässt sich jeweils relativ genau bestimmen [61]. Um einzelne Regeln zitierbar zu machen, ist eine Nummerierung oder Rubrizierung unumgänglich. In der Sekundärliteratur orientiert man sich meist an der Reihenfolge der Auflistung durch einen bestimmten Theoretiker. Das vorliegende Schema dagegen versucht, die deduktiven (nicht die historischen) Abhängigkeiten in der Aufgliederung der Regeln sichtbar zu machen und bedient sich für Verweise zudem der Verschlagwortung, deren mnemotechnische Funktion einer Nummerierung gegenüber von Vorteil ist [62]. Von der natürlichen Abfolge her, in der der Aufführung eines Musikstückes die Komposition vorausgeht, sollte man erwarten, dass zuerst die Produktionsregeln behandelt werden. Aber die grundlegenden Anordnungen zur Textunterlegung betreffen auch den Ausführenden; dies wurde oben bereits in der Beschreibung der Genealogie der Traktate angedeutet und bedingt die Reihenfolge der Darstellung.

Nächste Seite: Gliederung von Text und Musik

 
 
vorherige Seite: 2.1
aktuelle Seite: 2.2 (1/1)
Regeln und Ausnahmen
nächste Seite: 2.2.1.1
  
unten:Seitenende
  
Start:Titelseite
Sitemap:Inhaltsverzeichnis
Kontakt:Impressum
   
 ____________ 
  [58]    Aus der Konzeption der Traktate, den darin gegebenen Beispielen und den bekannten Lebensgewohnheiten der Verfasser lässt sich ein Bezug zu Texten in anderen Sprachen weitgehend ausschließen. Zu den bereits vorgestellten Hauptquellen werden im Folgenden bei Bedarf weitere Autoren herangezogen, für die (mit wenigen Ausnahmen) das Gleiche gilt. 
  [59]  Chris Maas in Elders 1974[b], S. 69. 
  [60]  Wenngleich einige Theoretiker ihre Regeln durchnummerieren (berühmtestes Beispiel ist wohl Zarlino), sind sie doch nicht nach thematischen Gesichtspunkten angeordnet. Bei verschiedenen Autoren werden deshalb gleiche und ähnliche Regeln in ganz unterschiedlicher Reihenfolge aufgezählt. Selbst die Gliederung des strengen Scholastikers Stocker ist eher künstlich aufgesetzt als sinnvoll. 
  [61]  Deshalb wird in der Sekundärliteratur oft explizit zwischen »Regeln für Sänger« und »Regeln für Komponisten« unterschieden, z. B. in Harráns verschiedenen Arbeiten. Meine Gliederung entspricht der Einsicht, dass sich diese Trennung nicht für einzelne Vorschriften zur Textunterlegung, sondern höchstens für die Zielgruppe bestimmter Autoren durchhalten lässt. 
  [62]  Mit Hilfe der Schlagwörter lassen sich darüber hinaus die Aussagen in Kapitel 2 mit denjenigen in Kapitel 3 der vorliegenden Arbeit vergleichen. 
 
  
vorherige Seite: 2.1
aktuelle Seite: 2.2 (1/1)
Regeln und Ausnahmen
nächste Seite: 2.2.1.1
  
oben:Seitenanfang
  
Start:Titelseite
Sitemap:Inhaltsverzeichnis
Kontakt:Impressum
   
 Thomas Kleinhenz: Textunterlegung in der Musik der Renaissance. [Magisterarbeit Univ. Karlsruhe 1990] 2. Aufl. 2001. 
 
 
design by tkar.de © 2001