Textunterlegung in der
Musik der Renaissance
 
   
 

3.3 Untersuchung der Handschrift Ox

3.3.1 Das Manuskript

Die Handschrift Ox überliefert bunt gemischt weltliche und geistliche Kompositionen, so dass von einem einheitlichen Repertoire auf den ersten Blick sicher nicht gesprochen werden kann, zumal die Entstehung der Werke sich über einen Zeitraum erstreckt, der vom Ende des 14. bis in die Dreißigerjahre des 15. Jahrhunderts reicht. Für die Untersuchung empfiehlt sich das Manuskript vielmehr aufgrund von deutlichen Vorgaben des Kopisten in Bezug auf die Textunterlegung [306]. Die Handschrift besteht aus 140 Folien in 10 Faszikeln und ist gemeinsam mit 4 Folien eines unvollständigen alphabetischen Inhaltsverzeichnisses (Buchstaben E bis X) überliefert. Sie entstand vermutlich in Venedig; zwei datierte Werke sind mit diesem Ortsnamen versehen, und auch Canonici selbst, in dessen Nachlass sie sich befand, war offensichtlich Venezianer [307]. Aus der Reihenfolge der Eintragung der Stücke in den Index wird deutlich, dass die Handschrift ursprünglich aus zwei getrennten Teilen bestanden haben muss (Fasz. 1-4 und Fasz. 5-10). Die älteren Faszikel (5-10) waren bei der Vereinigung vollständig beschrieben, die jüngeren (Fasz. 1-4) wurden erst später komplettiert. Faszikel 1 enthält das Werk mit dem jüngsten Datum (1436) und wurde vermutlich als Letztes fertiggestellt [308]. Anders als in den zeitgleichen Kodizes BL oder Ao [309], wo die verschiedenen musikalischen Gattungen nach Plan an bestimmten Stellen eingetragen wurden, fehlt in Ox sogar das Konzept der einheitlichen Ordinariumszyklen [310]. Die einzelnen Stücke wurden offensichtlich je nach Gelegenheit, eine Vorlage benutzen zu können, und nach Gesichtspunkten der Raumaufteilung in die vorlinierten, zu Faszikeln ineinander gelegten Doppelblätter notiert [311], denn erst später wurden die Faszikel zu einem Kodex zusammengebunden. Einzelne Teile der Handschrift Ox zeigen Spuren häufigen Gebrauchs, die allerdings vor der Zusammenfügung der beiden ursprünglichen Teile entstanden sein müssen [312]. Obwohl das Format der Blätter mit 298:215 mm wesentlich kleiner als das eines Chorbuches ausfällt, wurde aus dem Manuskript zweifelsfrei gesungen, wenn sich auch nicht mehr feststellen lässt, wer, wo und zu welchem Anlass es benutzt hat.

Die zu einigen Kompositionen angegebenen Daten beziehen sich auf den Zeitpunkt der Komposition der Werke, die zum Teil erst mehrere Jahre später in die Handschrift kopiert wurden [313]. In Faszikel 2 finden sich einige Seiten in schwarzer Notation, für die sich die Erklärung ergibt, dass sie als bereits beschriebene Doppelblätter in den Kodex eingefügt wurden [314]. Die Blätter der Faszikel sind mit unterschiedlicher Anzahl von Notensystemen vorliniert, die je nach Platzbedarf einer Komposition präventiv erweitert werden konnte. Der Schreiber verfügt diesbezüglich über viel Erfahrung. Die Blattvorbereitung lässt Rückschlüsse auf den relativen Zeitpunkt der Niederschrift zu, da gleichzeitig beschriebene Blätter gleich liniert sind. Für das 2. Faszikel kann so nachgewiesen werden, dass die einzelnen Doppelblätter erst lange nach ihrer Beschriftung zu einem Faszikel zusammengefügt bzw. umgruppiert wurden. Andere Faszikel zeigen einen deutlicheren Plan in ihrem Aufbau [315], aber für den Sonderfall findet sich eine Erklärung: Die Kompositionen des 2. Faszikels wurden nicht in ein vorbereitetes Faszikel, sondern auf lose Blätter notiert, was eine besonders gute Ausnutzung des Papiers garantierte [316].

Notenbeispiel: Ox, f. 28vOx, f. 28v

Der Kodex kann nur zum persönlichen Gebrauch bestimmt gewesen sein. Dafür sprechen das Format und der sparsame Umgang mit dem Schreibmaterial, der dazu führt, dass man sich nicht leicht in der Sammlung zurechtfinden kann, deren Ordnungsprinzipien anderer als thematischer Natur sind. Der Kopist fügt in die jüngeren Faszikel Blätter ein, die ursprünglich zu anderer Verwendung bestimmt waren, und verteilt die Kompositionen in den älteren Faszikeln im Wesentlichen nur nach Gesichtspunkten einer sparsamen Raumaufteilung [317]. Die Vorlinierung innerhalb eines Faszikels bleibt normalerweise konstant [318]; Faszikel mit vorwiegend geistlichem Repertoire haben mehr Systeme pro Seite, um ausreichend Platz für die längeren Kompositionen zu bieten [319]. Bisher nahm man an, dass Ox von zwei verschiedenen Schreibern angefertigt worden sei, da man andere Formen der Semibrevis in den älteren im Unterschied zu den neueren Faszikeln feststellte. Aus ausführlichen Schriftvergleichen geht jedoch hervor, dass Ox von nur einer Hand geschrieben wurde, deren Schrift sich im Verlauf der Jahre entwickelte [320]. Auch die schwarz notierten Blätter stammen vom selben Schreiber, möglicherweise waren sie aber ursprünglich für einen anderen, repräsentativeren Kodex gedacht [321].

Aus den Schriftvergleichen ergibt sich die Reihenfolge und der relative Zeitpunkt der Entstehung der Faszikel: Die Faszikel 5 bis 7 wuchsen kontinuierlich gemäß der heute vorliegenden Reihenfolge und stellen die älteste Schicht der Handschrift; verschiedene Textnachträge erfolgten zur Zeit des 3. Faszikels. Die Faszikel 8 und 10 entstanden als nächste und in ihrer Endphase gleichzeitig; Nachträge in Faszikel 10 stammen aus der Zeit des 2. Faszikels. Dieses schließt an Faszikel 8 an und entstand in seinem letzten Drittel gleichzeitig mit Faszikel 9. Nachträge in diesen beiden wurden zur Zeit des 3. Faszikels eingefügt. Das erste Drittel von Faszikel 4 entstand vor dem letzten Drittel von Faszikel 3, und dieses wiederum ist etwa gleichzeitig mit dem zweiten Drittel von Faszikel 4 anzusetzen. Fünf Seiten Nachträge in Faszikel 4 wurden zur Zeit des 1. Faszikels angefügt, das der jüngste Teil der Handschrift und schriftgleich mit dem Index ist [322].

Der Schreiber verfügt über hervorragende musikalische Kenntnisse, wenngleich Fehler im Notentext und sprachlicher Art vorkommen. Letztere begründen sich damit, dass der Kodex nur zum persönlichen Gebrauch bestimmt war und so die prinzipielle Möglichkeit bestand, Fehler nachträglich zu korrigieren [323]. Aus dem Vergleich mit konkordanten Quellen ergibt sich, dass der Kopist von Ox selbständig Veränderungen am Notentext vornimmt, die Details der rhythmischen Schreibweise (Ligaturen, Color usw.), die Zusammenziehung oder Unterteilung von Notenwerten, Kadenzen, zusätzliche Vorzeichen sowie die Korrektur falscher Vorzeichen und Noten betreffen [324]. Auch die Verdeutlichung der Textunterlegung scheint eines seiner Anliegen gewesen zu sein. »Die Zuordnung des Textes zur Musik scheint in den meisten Fällen sorgfältig erfolgt zu sein; ein Teil der verbliebenen Unstimmigkeiten ist wahrscheinlich einem in dieser Hinsicht mangelhaften Primärmaterial anzulasten.« [325] Teilweise wurde sogar radiert, um die Zuordnung zu verbessern - sowohl am Text als auch in den Noten. Normalerweise aber werden Ungenauigkeiten durch Textzuordnungslinien geregelt, die relativ häufig auftreten. Nicht zuletzt diese Gegebenheit macht eine Untersuchung der Handschrift Ox im Hinblick auf allgemein gültige Erkenntnisse zur Textunterlegungspraxis im 15. Jahrhundert interessant.

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  [306]    Zu Einschränkungen im Hinblick auf die Repertoirekonsistenz vgl. unten: Abs. 3.3.2. 
  [307]  Vgl. Reaney 1955, S. 75. 
  [308]  Vgl. Schoop 1971, S. 11ff. 
  [309]  Aosta, Bibl. del Seminario Maggiore (ohne Signatur). 
  [310]  Vgl. Reaney 1955, S. 78. 
  [311]  Bei Bedarf konnten so weitere Blätter eingefügt werden. 
  [312]  Vgl. Schoop 1971, S. 118. 
  [313]  Vgl. ebd., S. 118ff. 
  [314]  Vgl. ebd., S. 15. Sie bilden eine zusammengehörige Gruppe inmitten einer fremden Umgebung, denn sie überliefern Stücke von Komponisten einer älteren Generation innerhalb einer Abteilung von Werken Dufays. Sie haben gleiche Vorlinierung, gleichen Schreibduktus usw. 
  [315]  Fasz. 1 und 9 enthalten überwiegend Messen und Motetten, weltliche Sätze dienen als Lückenfüller. Fasz. 5 und 6 überliefern ausschließlich weltliche Lieder. Andere Faszikel beginnen zunächst mit geistlichen Werken, dann folgen nur noch Liedsätze. Vgl. ebd., S. 17ff. 
  [316]  Am 5. Doppelblatt des 2. Faszikels lässt sich gut zeigen, dass es für sich beschrieben wurde, denn in Vorlinierung, Tintenfarbe, Noten- und Initialienform unterscheidet es sich deutlich von seiner Umgebung. Es könnte sich um die Kopie eines sog. Double-sheets handeln, die in den Kodex eingegliedert wurde. Die vertretenen Komponisten gehören herkunftsmäßig zusammen, aber Stücke eines Komponisten sind nicht nacheinander angeordnet; vgl. ebd., S. 21. Hans Schoop beruft sich bei dieser Erklärung auf die Theorie Charles Hamms (Hamm 1962, S. 166), wonach Kompositionen mit gemeinsamer Herkunft oder gleichem Verwendungszweck auf losen Doppelblättern von einer Schreiberwerkstatt zur anderen gelangten, um dort als Vorlage für Eintragungen in gebundene Kodizes oder wiederum auf lose Blatter zu dienen. 
  [317]  Aus diesem Prinzip erklärt sich der Aufbau der gesamten Handschrift; vgl. Schoop 1971, S. 17ff. »Der Schreiber wird [...] bestrebt sein, die Möglichkeiten des Umstellens lange offen zu halten, d. h. er nimmt die kleinen Rondeaux erst zuletzt in das Faszikel auf. Da er die Reihenfolge der zum Kopieren angebotenen Werke nicht wesentlich beeinflussen konnte, wird er die kleineren Rondeaux in schon teilweise beschriebenen Faszikeln plazieren, während er die größeren Werke bereits in das nächste Faszikel einträgt.« (Ebd., S. 19.) 
  [318]  Ausnahmen: 2., 3. und 9. Faszikel. 
  [319]  Vgl. Schoop 1971, S. 30. 
  [320]  Vgl. ebd., S. 33f. und das gesamte 4. Kapitel von Schoops Studie. 
  [321]  Vgl. ebd., S. 45. 
  [322]  Vgl. ebd., S. 46. 
  [323]  Vgl. ebd., S. 59. 
  [324]  Vgl. ebd., S. 76. 
  [325]  Ebd., S. 61. 
 
  
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 Thomas Kleinhenz: Textunterlegung in der Musik der Renaissance. [Magisterarbeit Univ. Karlsruhe 1990] 2. Aufl. 2001. 
 
 
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