Textunterlegung in der
Musik der Renaissance
 
   
 

Die Rekonstruktion des Schreibvorgangs gibt weitere Anhaltspunkte zur Bewertung der Aussagekraft einer Quelle. Es ist wichtig zu wissen, ob zuerst der Text oder die Musik niedergeschrieben wurde. Das Verfahren, zuerst die Noten und anschließend den Text aufzuschreiben, ist nur für melismatische Abschnitte geeignet. In syllabischen Partien bleibt normalerweise zu wenig Platz für den Text, es sei denn, die Noten wurden im Voraus mit größerem Abstand notiert [291]. Man erkennt diese Arbeitsweise an den gleichmäßigen - meist sehr geringen - Abständen der Noten zueinander und daran, dass der Text jeweils am Beginn der einzelnen Abschnitte steht, ohne dass Silbenzuordnungen erkennbar sind. Eine so ausgeführte Handschrift bietet wenig brauchbare Informationen zur Textunterlegungspraxis [292]. Zuerst den Text und anschließend die Noten aufzuschreiben, bietet sich für syllabische Teile an. Bei Melismen kann eventuell zu wenig Platz für die Noten geblieben sein, die dort dichter gedrängt stehen, falls die Silben nicht im Voraus mit größerem Abstand notiert wurden [293]. Normalerweise ist bei diesem Verfahren der Text gleichmäßig verteilt, aber die Noten sind mit ungleichen Abständen hinzugefügt [294]. Rhythmisch zusammengehörige Notengruppen können an Zeilenenden umgebrochen worden sein, Textworte dagegen nicht. Die Vorgehensweise lässt wichtige Rückschlüsse auf die Unterlegungspraxis zu: Unterschiedliche Abstände zwischen den Noten und sich so ergebende Gruppierungen zeigen deutlicher als eine exakte vertikale Zuordnung die »gemeinte« Unterlegung an [295]. Ein versierter Notenschreiber wird beide Methoden je nach Gegebenheit wechselweise anwenden, was an den abschnittsweise wechselnden beschriebenen Eigenheiten erkennbar ist [296]. Neben sich unwillkürlich ergebenden Gruppierungen, die durch unterschiedliche Abstände zwischen den Noten bedingt sind, werden besonders genaue Informationen zur Textunterlegung dort zu erwarten sein, wo Hilfslinien gezogen wurden, um die Silbenzuordnung zu verdeutlichen, an den Zeilenumbrüchen und an Stellen, wo Korrekturen aus Gründen der Textzuordnung vorgenommen wurden [297].

Natürlich können Informationen, die unabhängig sind von der Art der Aufzeichnung, bei der Bewertung einer Quelle behilflich sein. Ligaturen in Kompositionen mit liturgischem cantus firmus sind oft aus der Vorlage übernommen. Am Zeilenumbruch wurde in der Handschrift möglicherweise ein punktierter Wert geteilt, der in der Übertragung als solcher rekonstruiert werden muss [298]. Korrupt überlieferte Texte dürfen nicht grundlos emendiert werden, denn es könnte sich dabei um die Textfassung handeln, für die und mit der der Komponist sein Werk schuf. Er könnte auch die dichterische Vorlage bewusst verändert haben, wobei sich eventuell auch das Akzentschema änderte. Die metrische Struktur des Textes wird durch die Komposition grundsätzlich dem Rhythmus der Musik untergeordnet; es finden sich Fälle, in denen metrisch gleiche Verse verschieden rhythmisierter Musik unterlegt wurden. Durch diese Prämisse wird es allerdings gleichgültig, ob der Text ein paar Silben mehr oder weniger enthält [299]. Auch bekannte Gewohnheiten eines bestimmten Komponisten können bei der Rekonstruktion der Textunterlegung behilflich sein. Dufay verteilt beispielsweise den Messtext immer gleich oder zumindest ähnlich; bestimmte Abschnitte gehören zusammen, und innerhalb derselben wird die Kombination der Stimmen nicht grundsätzlich verändert. In solchen geschlossenen Abschnitten kann umgekehrt nicht in einer Stimme plötzlich ein anderer Text (etwa in den Unterstimmen der eines cantus prius factus) einfließen [300]. Die Berücksichtigung konkordanter Quellen ist immer sinnvoll, und die Auswertung bestärkt in vielen Fällen die Hoffnung, die »guten« Handschriften mögen die jeweilige Unterlegungspraxis ihrer Zeit überliefern: Übereinstimmungen zwischen verschiedenen, zeitgleichen Quellen legen nahe, dass die Kopisten nach gewissen - möglicherweise allgemein gültigen (?) - Prinzipien vorgingen [301].

Notenbeispiel: Ox, f. 80vOx, f. 80v

Die Handschriften aus der Renaissance sind hinsichtlich der Textunterlegung auf den ersten Blick alle ähnlich: Meist steht der Anfang einer Textphrase ziemlich genau unter dem Beginn eines musikalischen Abschnitts, aber die intendierte Verteilung der Worte innerhalb desselben ist nur in den seltensten Fällen auf Anhieb zu erkennen. Die letzte Silbe einer Phrase wird manchmal in die Nähe der letzten Note des Abschnitts gesetzt, häufiger jedoch ist der Text zusammenhängend am Beginn der Phrase notiert. Auch wenn Silbenzuordnungen nicht direkt vorgenommen sind, ist es unproblematisch, syllabische Abschnitte zu unterlegen; denn sie können nur auf eine Art ausgeführt werden, selbst wenn in konkordanten Quellen der Text aus Platzgründen unterschiedlich angeordnet ist oder sich Verschiebungen um wenige Silben ergeben [302]. Melismatische Passagen dagegen bereiten immer Schwierigkeiten. Silbentrennungen kommen insgesamt selten vor, am ehesten die angesprochene Abtrennung der letzten oder mehrerer Silben, die ans Phrasenende gesetzt wurden. Mit dieser Methode werden von einigen Kopisten jeweils Abschnittsbeginn und -ende eindeutig festgelegt. Besonderes Augenmerk verdienen die Zeilenumbrüche, denn die gewissenhafteren Schreiber brechen sowohl Text als auch Musik - unabhängig davon, was zuerst niedergeschrieben wurde - an der richtigen Stelle um. Wenn in syllabischen Abschnitten normalerweise die richtige Anzahl von Noten für die vorhandenen Silben in jeder Zeile steht, dann kann man davon ausgehen, dass der Zeilenumbruch in melismatischen Abschnitten ebenfalls die intendierte Verteilung widerspiegelt [303]. An Zeilenumbrüchen kommen Silbentrennungen vor, und man kann an Stellen, wo die letzte Note eines Abschnitts in eine neue Zeile fällt, erkennen, ob die letzte Silbe eines Textteils für den letzten Ton der musikalischen Phrase bestimmt ist, denn sie ist entweder abgetrennt und in die neue Zeile gesetzt worden oder nicht [304]. Alle Erkenntnisse aus dem Studium der Quellen und eventuell daraus abgeleitete Regeln zur Textunterlegung lassen sich jedoch nur auf das Repertoire anwenden, aus dem sie gewonnen wurden [305].

Nächste Seite: Das Manuskript Ox

 
 
vorherige Seite: 3.2 (1/2)
aktuelle Seite: 3.2 (2/2)
Interpretation der Quellen
nächste Seite: 3.3.1
  
unten:Seitenende
  
Start:Titelseite
Sitemap:Inhaltsverzeichnis
Kontakt:Impressum
   
 ____________ 
  [291]    Vgl. Baumann 1984, S. 78; Bent 1984, S. 296. 
  [292]  Vgl. ebd., S. 295. 
  [293]  Vgl. Baumann 1984, a. a. O.; Bent 1984, S. 295 und 297f. 
  [294]  Vgl. ebd., S. 294. 
  [295]  Vgl. ebd., S. 298: Im Old Hall-Manuskript wird so die Gültigkeit der Regel zur Tonrepetition widerlegt. 
  [296]  Vgl. Baumann 1984, S. 79; Bent 1984, S. 296: Der Kopist des Old Hall-Manuskripts schreibt normalerweise den Text, in melismatischen Abschnitten jedoch die Noten zuerst. Manchmal wird dabei die letzte Silbe vergessen, die nach dem Schlussmelisma unter die letzte Note zu setzen gewesen wäre. 
  [297]  Vgl. ebd., S. 294. 
  [298]  Vgl. Albrecht 1954, Sp. 1122f. 
  [299]  Vgl. Bent 1984, S. 321f. 
  [300]  Vgl. Curtis 1979, S. 81f. 
  [301]  Eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse gibt Don Harrán; vgl. Harrán 1986, S. 332f. Ich stütze mich zusätzlich auf eigene Beobachtungen an Ox und BL (Bologna, Civico Museo bibliogr. mus. [olim Liceo Musicale], MS Q 15 [olim 37]). Abweichungen zwischen den Handschriften, z. B. bezüglich der Ligatursetzung, sind für die Ermittlung von gemeinsamen Konventionen unproblematisch. Darin liegen zwar jeweils eigene Interpretationen der Kopisten vor, die jedoch immer die Regel, dass die Ligatursetzung die Textunterlegung beeinflusst, zur Grundlage haben und deshalb bestätigen. 
  [302]  Vgl. Brown 1983[b], S. 170; Brown 1983[a], S. 22. Im letztgenannten Aufsatz vergleicht Howard Mayer Brown verschiedene Arbeiten eines Kopisten. 
  [303]  Vgl. ebd., S. 24 f., wo solche Folgerungen ausführlich diskutiert werden. 
  [304]  Vgl. Brown 1983[b], S. 170f.; Brown 1981, S. 100f. 
  [305]  Vgl. Bent 1984, S. 293. 
 
  
vorherige Seite: 3.2 (1/2)
aktuelle Seite: 3.2 (2/2)
Interpretation der Quellen
nächste Seite: 3.3.1
  
oben:Seitenanfang
  
Start:Titelseite
Sitemap:Inhaltsverzeichnis
Kontakt:Impressum
   
 Thomas Kleinhenz: Textunterlegung in der Musik der Renaissance. [Magisterarbeit Univ. Karlsruhe 1990] 2. Aufl. 2001. 
 
 
design by tkar.de © 2001