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3.3.3 Notation syllabischer Abschnitte
ie Auswertung von Kompositionen mit überwiegend syllabischem Charakter ermöglicht es tatsächlich, eine Reihe wiederkehrender Verfahrensweisen des Kopisten von
Ox bei der Textunterlegung zu isolieren. Als syllabische Abschnitte sollen nicht nur diejenigen gelten, in denen die Anzahl der Silben mit der der Notenzeichen genau übereinstimmt, sondern alle Passagen, in denen - ohne größere Ausnahmen - die
Worte zuerst niedergeschrieben und danach die Noten zugeordnet wurden. Durch diese Schreibweise können sich kaum mehr als dreitönige Melismen ergeben, und solche Stellen mögen als quasi-syllabisch gelten. Einzelne, längere Melismen, die eventuell
am Abschnittsende vorkommen und in umgekehrter Reihenfolge geschrieben wurden - der Kopist ist erfahren genug, seine Arbeitsweise den musikalischen Gegebenheiten vorausschauend anzupassen -, können im Zusammenhang erörtert werden und bereiten
normalerweise keine Schwierigkeiten bei der Unterlegung. An einem Beispiel soll zunächst gezeigt werden, welche Informationen die Quelle selbst bieten kann, und wie weitergehende Folgerungen durch Analyse der Musik und Vergleiche mit Konkordanzen
möglich sind.
Im 4. Faszikel des Kodex (f. 62) ist eine dreistimmige, freie Komposition Guillaume Dufays zum Text der Marienantiphon Ave regina caelorum überliefert [333]. Bereits ein erster Blick auf die
Arbeit des Kopisten lässt erkennen, dass sie nicht nur im Hinblick auf die Textanordnung sehr sorgfältig ausgeführt wurde. Die kurze Motette steht inmitten einer Gruppe von Ordinariumskompositionen als »Füllung« einer Rectoseite, von
deren zehn Liniensystemen neun großzügig genutzt werden. Der Schreiber brach sogar, den homophonen Charakter der Komposition visuell betonend, jeweils die Zeilen aller drei textierten Stimmen an den gleichen Stellen um. Deshalb wurde der größte
Teil des Textes vor den Noten in jede Zeile eingeteilt. Die wenigen melismatischen Abschnitte jedoch erforderten eine andere Behandlung.
Ox, f. 62 [Superius]
Die Rekonstruktion des Vorgangs der Niederschrift ergibt Folgendes: Zuerst wurde vermutlich die Initiale des Superius angefertigt. Die schlichten Initialen der drei Stimmen sind unterschiedlich groß und vollständig in den Notentext eingepasst.
Deshalb ist es eher unwahrscheinlich, dass für sie zunächst nur Platz freigelassen wurde. Nach Notenschlüssel und Mensurvorzeichen notierte der Kopist die erste musikalische Phrase des Superius bis zur Semibrevispause und dann den zugehörigen Text
darunter. Die Noten stehen dicht und trotz unterschiedlicher Werte immer im gleichen Abstand beieinander, und eine Zuordnung des Textes ist nicht eindeutig erkennbar. Aus diesem Vorgehen kann nur deshalb überhaupt etwas erschlossen werden, weil die
letzte Silbe des Wortes »caelorum« abgetrennt und der letzten Note der Phrase zugeordnet wurde. Das Melisma soll offensichtlich auf der vorletzten Silbe ausgeführt werden.
Im Rest dieser und in der ganzen nächsten Zeile wurde zuerst der Text niedergeschrieben und dann Silbe für Silbe die Notenzeichen zugeordnet. Hier haben die Worte zueinander immer gleichen Abstand, und in den Noten darüber ergeben sich
Gruppierungen. Da ebensoviele Silben wie Notenzeichen vorhanden sind, wäre die Textunterlegung auch bei weniger sorgfältiger Zuordnung lösbar; die vorliegende Anordnung jedoch belegt eindeutig die Regel, wonach auf eine Ligatur nur eine einzige
Silbe gesungen werden darf. Die dritte Zeile des Superius ist wieder »nach melismatischer Art« aufgeschrieben, d. h., der Text wurde erst nach den Noten und nicht zweifelsfrei angeordnet. Aber auch hier wird durch Silbentrennung in
»Alleluja« die Lage des Melismas angedeutet.
Ox, f. 62 [Tenor]
In den beiden gleich geschlüsselten Unterstimmen, von denen in BL die erste »Tenor« und die zweite »Contratenor« benannt ist, wurde bis auf die ersten Notenzeichen und eventuell das abschließende
»Alleluja« jeweils zeilenweise der Text vor den Noten niedergeschrieben und letztere syllabisch zugeordnet. Im Contratenor sind wahrscheinlich auch in der vorletzten Phrase die Notenzeichen zuerst geschrieben worden, denn die Zeile ist
etwas eingerückt, damit die Semibrevis f' und der Hals der nachfolgenden Minima e' in den Wortzwischenraum der darüberliegenden Textzeile zu stehen kommen. Der zugehörige Text ist entsprechend eingerückt; er wurde also nach den Noten
niedergeschrieben.
Aus diesen Gegebenheiten, dem Vergleich der drei Stimmen miteinander und dem Charakter der Stückes lässt sich bis auf wenige Unsicherheiten eine befriedigende Textunterlegung erarbeiten. Die erste Phrase »Ave regina caelorum«
(T. 1-7) ist im Contratenor bis auf das mit vier Notenzeichen versehene letzte Wort syllabisch gegeben; dieses wiederum ist im Superior - wie oben beschrieben - mit Silbentrennung und Zuordnung der letzten Silbe zur letzten Note der Phrase
genauer spezifiziert worden. Die folgenden Abschnitte bieten keine Schwierigkeiten, denn alle Stimmen deklamieren syllabisch. Die vorletzte Phrase »Christum exora« (T. 36-39) erschließt sich nach Art der ersten; als syllabisches
Modell bietet sich der Tenor an. Auch hier ist auf das letzte Wort ein Notenzeichen zuviel unterzubringen, doch dieser Fall ist bei »caelorum« (T. 5-7) bereits einmal gelöst worden.
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