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2.2.2.1.3 Wörter und Sätze
ausen:
Die gliedernde Funktion von Pausen wurde bereits angesprochen [190]. Sie wird belegt durch das Verbot der Verwendung von Pausen innerhalb eines Wortes, das sonst zerteilt würde. Obwohl diese Vorschrift bereits im gregorianischen
Choral gilt [191], wurde sie in der mehrstimmigen Musik des 14. und 15. Jahrhunderts offensichtlich nicht eingehalten [192]. Die Theoretiker des späten 16. Jahrhunderts rügen die älteren
Komponistengenerationen wegen Missachtung des Verbots [193], weisen aber auf eine Ausnahme in der Musik ihrer eigenen Zeit hin: Aus Gründen der Wortausdeutung (Seufzer) kann die Regel außer Kraft gesetzt werden [194].
Sprünge:
Auf die Zerteilung eines Wortes zielt auch Vicentinos Oktavsprungregel: Zwei Tönen im Abstand einer Oktave sollen nicht verschiedene Silben »della dittione« unterlegt werden [195]. So bleiben zwei Möglichkeiten:
Entweder erhält jeder Ton je eine Silbe verschiedener Wörter, oder beide Töne werden zu einer einzigen Silbe gesungen. Die erste Interpretation ist nur möglich, wenn man »dittione« mit Wort übersetzt und nicht allgemein als
Text interpretiert [196], und die zweite Lesart schränkt die Anwendbarkeit der Regel stark ein. Aber Luchini überliefert diese eindeutig in letzter Version, wobei er sie auf alle Sprünge größer als eine Terz erweitert [197]. Vicentino hatte bei kleineren Sprüngen keine Bedenken, Silben eines Wortes auf beide Töne zu setzen [198]. Luchini kennt seinen Traktat; er zitiert sogar das Musikbeispiel des Älteren zu dessen
»Regola universale«, so dass man geneigt ist, seine Interpretation für ein Missverständnis zu halten [199]. Dass sich Vicentino undeutlich ausgedrückt hatte, wird dadurch belegt, dass noch einige Wissenschaftler des
20. Jahrhunderts das Musikbeispiel zur »Regola universale«, das die Unterlegung eines Oktavsprunges mit einem zweisilbigen Wort zeigt, nicht als Negativbeispiel erkannten [200].
Ox, f. 25v
Textwiederholung:
Textwiederholungen sind für mehrstimmige Musik nicht so eindeutig geregelt wie im Choral: In den gregorianischen Gesängen sind sie nämlich verboten [201]. Diese strenge Anordnung wird für die Mensuralmusik nicht aufrecht
erhalten. Die Theoretiker berichten nicht nur von Verstößen gegen die Regel [202], sondern sie empfehlen sogar, Text zu wiederholen, falls sich sonst lange Melismen am Ende von Abschnitten ergeben würden, weil zu viele Noten für
zu wenige Silben vorhanden sind [203]. Lanfranco zitiert zunächst das Verbot für den Choral und erlaubt dann die Wiederholung von Text im »Canto Figurato«, falls ausreichend Noten vorhanden sind [204]. Zarlino präzisiert seine Vorlage dahingehend, dass keinesfalls einzelne Silben oder Worte, sondern nur in ihrer Aussage abgeschlossene Texteinheiten wiederholt werden sollten [205]. Stocker ordnet die
Regel der Generation der »modernen« Komponisten zu, äußert sich aber insgesamt sehr vorsichtig: Textwiederholungen seien zu vermeiden, ganz besonders die Wiederholung einzelner Worte, weniger die ganzer Sätze [206].
Er billigt Wiederholungen, wenn genügend Töne zur Verfügung stehen oder wenn dadurch wichtige Textstellen hervorgehoben werden [207]; aber er scheint sich bewusst zu sein, dass dies ein relativ neues Stilmittel ist.
Die Theoretiker fordern und verbieten Textwiederholungen fast im selben Atemzug, so dass eine Bewertung der Regel sich schwierig gestaltet. Das Verbot ist vermutlich als Anweisung zu deuten, Wiederholungen nicht zu
übertreiben, und ist darin etwa der ablehnenden Haltung von Tinctoris musikalischen Wiederholungen gegenüber vergleichbar [208].
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