Textunterlegung in der
Musik der Renaissance
 
   
 
2.2.2.1.4 Textabschnitte

Abschnittsbildung (2): Die grundlegende produktionstechnische Anweisung der Theoretiker besagt, dass sich die musikalische Struktur an der Struktur des zu unterlegenden Textes orientieren soll. Die Anweisung existiert bereits für den gregorianischen Choral [209], aber in der mehrstimmigen Musik sind zusätzlich rein musikalische Zwänge zu beachten. Diese Problematik ist Lanfranco bekannt, dennoch fordert er, dass die Textstruktur, die in Lyrik und Prosa verschieden bedingt ist, beachtet werde [210]. Den Satz- und Versenden des Textes entsprechen in der Musik Kadenzen und Pausen. Diese sollen deshalb an den Stellen angebracht werden, wo die zugehörigen Textabschnitte syntaktisch oder semantisch abgeschlossen sind [211]. Die Verwendung von Pausen und Kadenzen wird von del Lago unbedingt vorgeschrieben, damit die Textteile überhaupt als solche erfassbar sind. Durch die unterschiedliche Länge der Pausen und die Schlusswirkung von Kadenzen entsprechen die musikalischen Mittel den verschiedenen Graden der Texteinschnitte [212]. Stocker schließlich beruft sich grundsätzlich auf die Ähnlichkeit von Musik und Sprache, indem er den Musiker mit dem Grammatiker vergleicht [213]. Die lange Tradition dieser Sicht belegen die Begriffe, mit denen die Theoretiker seit dem Mittelalter die verschiedenen Pausen und andere strukturbildende Elemente in der Musik bezeichnen: Man entnahm sie den Schriften der antiken Grammatiker und Rhetoriker [214].

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Notenbeispiel: Ox, f. 26vOx, f. 26v
 
 
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  [209]    Vgl. Harrán 1986, S. 54f. und 60, wo Belegstellen bei Hucbald, Guido von Arezzo, aus der Musica enchiriadis u. a. anführt werden. 
  [210]  Lanfranco 1533, S. 68; vgl. oben: Abschnittsbildung (1). 
  [211]  Vgl. etwa Vanneo 1533, f. 93v: »Legitimus aut peculiarisque Cadentiarum locus est, ubi verborum contextus desinit sententia [...]. Est enim cadentia veluti punctum, et distinctio quaedam et quies in Concentu [...].« 
  [212]  »Le cadentie veramente sono necessarie, et non arbitrarie [...]. Et questo per distinguere le parti di la oratione, cioe far la distintione del comma, et cola, et del periodo [...], perche la cadentia [...] e una terminatione di essa parte del canto come e nel contesto dell'oratione, la media distintione et la finale [...].« (Del Lago 1540, S. [40].) 
  [213]  Vgl. Stocker 1570, S. 204, Z. 16-19. 
  [214]  Vgl. Harrán 1986, S. 60. 
 
  
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 Thomas Kleinhenz: Textunterlegung in der Musik der Renaissance. [Magisterarbeit Univ. Karlsruhe 1990] 2. Aufl. 2001. 
 
 
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