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2.2.2.2 Musikalische Gegebenheiten
2.2.2.2.1 Silbenverteilung nach musikalischen Gesichtspunkten
aktschwerpunkt:
In einer Reihe von theoretischen Äußerungen wird mehr oder weniger direkt angedeutet, dass die Position einer Note innerhalb von Mensur und tactus einen Einfluss darauf hat, ob ihr eine Silbe zugeteilt werden darf oder nicht [215]. Die älteste Vorschrift dieser Art in dem anonymen Fragment aus dem 15. Jahrhundert ist interpretationsbedürftig und hat Anlass zu konträren Deutungen gegeben. Dort wird erklärt, eine Silbe könne je nach Gegebenheit zwei,
drei oder vier »tempi« von der nächsten entfernt zu stehen kommen [216]. Don Harrán interpretiert »tempo« als »tactus-Einheit« - d. i. die Semibrevis - und liest daraus die Regel ab,
dass ein Silbenwechsel auf der Zählzeit zu erfolgen habe, oder - wie er negativ formuliert - »that syllables should not be placed between beats« [217]. Diese Vorschrift, von der Harrán selbst zugibt, dass sie nicht
explizit im Text aufgestellt wird [218], muss über vage Hilfskonstruktionen hergeleitet werden, denen andere Wissenschaftler nicht folgen wollen [219]. Harrán projiziert bei seiner Suche nach The Earliest
Writing on Text Underlay [220] eine jüngere Regel auf die mehrdeutige Aussage in seinem Fund, von deren Gültigkeit für die Musik des 15. Jahrhunderts er überzeugt ist [221].
Eine definitive Aussage zur Silbenunterlegung auf die Zählzeiten findet sich bei Vicentino, der angibt, auf der Thesis stehende Silben seien stärker betont als solche, die auf die Arsis eines Taktes fallen [222]. Vicentino schließt allerdings nicht aus, dass Silben unabhängig von den Zählzeiten angeordnet werden können. Bei anderen Theoretikern fehlen solche Angaben, möglicherweise galten sie ihnen als selbstverständlich [223]. Lediglich in Stockers Konzept der Gruppierung unselbständiger Notenwerte zu zweien oder vieren klingt die Begründung an, dass der Beginn einer solchen Gruppe auf den Taktschlag fällt, und genau dort wird die Silbe unterlegt
[224]. An anderer Stelle sagt er schließlich explizit, der Text solle eher auf die Zählzeiten verteilt werden als dazwischen, denn den unwichtigen Positionen in der Mensur ständen keine eigenen Silben zu [225]. Aus diesen Angaben lassen sich die bereits erörterten Vorschriften begründen, dass Gruppen aus verschiedenen Notenwerten, die zusammen weniger als eine tactus-Einheit messen, gemeinsam nur eine Silbe erhalten [226] und Minimen oder Semiminimen sich paarweise je eine Silbe teilen können [227]. Eine noch zu diskutierende Regel besagt zudem, dass Dissonanzen keine Silbe tragen dürfen, u. a. weil sie auf leichtem
Taktteil stehen [228]. Das Konzept als solches ist nicht, wie behauptet wurde, eine völlig neue Idee Stockers [229], sondern offensichtlich allgemein bekannt gewesen [230]. Wenngleich die
Notation der Musik in der Renaissance keinen Taktstrich kennt, fehlt den Komponisten und Notenschreibern keineswegs das Gefühl für das Metrum [231].
Ox, f. 75v
Synkope und Dissonanz:
Auch die Überlegungen zu Synkope und Dissonanz setzen voraus, dass man das Prinzip von schwerem und leichtem Taktteil für die rhythmischen und harmonischen Gegebenheiten in der Renaissancemusik als gültig akzeptiert. Edward Lowinsky hat mehrfach
überzeugend gezeigt, dass dieses Prinzip eine Erfindung der Renaissance ist [232]; von seiner Gültigkeit kann man demnach ausgehen. Wenn der leichte Taktteil grundsätzlich bevorzugt keine Silbe tragen soll, dann wird man die
Unterlegung gerade dann vermeiden, wenn sich an dieser Stelle eine Dissonanz mit einer der anderen Stimmen ergibt oder eine Synkope eingeleitet wird. Es ist wiederum Vicentino, der diesen Sachverhalt notiert [233], und Stocker,
der ihn begründet: Diese Töne, die auf leichtem Taktteil stehen, würden durch den Einsatz einer neuen Silbe zu sehr betont werden [234]. Sowohl Synkopen als auch Dissonanzen sind Unregelmäßigkeiten [235],
deren beabsichtigte Doppeldeutigkeit verloren ginge, falls sie zu stark hervorgehoben würden [236].
Ausführung von Melismen:
Mit der Frage, welche Vokale für die Ausführung eines Melismas besonders geeignet seien, beschäftigte man sich schon im Mittelalter [237]. Sie scheint in der Renaissance in Abhängigkeit vom persönlichen Geschmack der Autoren,
die sie zu beantworten versuchten, gelöst worden zu sein. Es ist daher nicht sinnvoll, die entsprechenden Aussagen [238] zu generellen Regeln der Textunterlegung für bestimmte Repertoires oder Zeiträume erklären zu wollen.
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