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3.4 Konventionen der Textunterlegung im 15. Jahrhundert
nhand der an verschiedenen Problemkreisen beispielhaft beschriebenen Gegebenheiten in der Handschrift Ox und zeitgleichen
Manuskripten können Regelmäßigkeiten bezüglich der Textanordnung beobachtet werden, die auf das Vorhandensein von Konventionen der Textunterlegung schließen lassen. Die Vorgaben der Kopisten können durch Vergleiche mit konkordanten Quellen und
durch Analyse der Musik auf die Verallgemeinerbarkeit des zugrunde liegenden Konzepts geprüft werden. Die Schreibgewohnheiten eines einzelnen Kopisten müssen nicht unbedingt Zeichen für eine bestimmte, allgemein gültige Aufführungspraxis sein, wie
die vielen schlecht textierten Handschriften belegen: Unvollständiger Text weist nicht notwendig auf einen lückenhaften Vortrag hin, und eine schlechte Textanordnung im Notentext bedeutet nicht schlechte Textverteilung in der Musik [393]. Die Systematisierung der Beobachtungen an den besseren Quellen und die Interpretation deren Vorgaben dagegen würde ein ähnliches Regelwerk wie die zusammengefassten Aussagen der Theoretiker aus dem 16. Jahrhundert ergeben.
Es bietet sich jedoch an, die neuen Erkenntnisse in die bereits vorhandene Systematik einzugliedern und dabei die Anwendbarkeit der Regeln der Theoretiker auf Musik aus dem 15. Jahrhundert am Beispiel der eindeutigen - weil mit Zuordnungslinien
versehenen - Auszüge aus der Handschrift Ox zu überprüfen [394].
Abschnittsbildung:
Pausen, Mensurwechsel und Unterteilungsstriche haben in Ox gliedernde Funktion. Sie grenzen die Abschnitte voneinander ab und dienen sogar dem Kopisten selbst zur Orientierung bei der Textanordnung [395]. An diesen
Stellen entscheidet er sein weiteres Vorgehen, in welcher Reihenfolge der Abschnitt niedergeschrieben werden soll, und arbeitet sich dann bis zum nächsten Einschnitt vor. Hier findet sich auch die Mehrzahl der Zuordnungslinien, von denen einige
sogar überflüssig zu sein scheinen [396]. Die Verdeutlichung der Zugehörigkeit von Teilen des Textes zu bestimmten musikalischen Abschnitten erachtet der Schreiber demnach als ausgesprochen wichtig. Eine Strukturanalyse
des Textes ist vor allen Überlegungen zur Textunterlegung immer sinnvoll [397], und in den sorgfältig notierten Stücken scheint sie auch des Kopisten erste Arbeit gewesen zu sein: Ihren Ergebnissen entsprechend nimmt er die
Raumaufteilung des Blattes vor [398].
Anzahl von Silben und Notenzeichen:
Die Anzahl der Notenzeichen eines musikalischen Abschnitts ist in der Regel größer als die Anzahl der Silben des zugehörigen Textteils. Dennoch kommt im untersuchten Material der Fall vor, dass ein zweisilbiges Wort - in Abkürzung - unter eine
einzelne Semibrevis geschrieben wurde (f. 138v). Es dürfte sich dabei um ein Versehen des Kopisten handeln, denn anders lässt sich die Situation nicht erklären. Im Fall der nachträglichen Textierung einer ohne Text überlieferten Stimme greift
man gerne auf Stockers Angabe zurück, dass Ligaturen und lange Notenwerte geteilt werden dürfen. Die Gültigkeit der Aussagen für Musik aus dem 15. Jahrhundert wird durch die verschiedenen Fassungen einiger Stimmen in konkordanten Quellen bestätigt
[399].
Ox, f. 138v
Abschnittsbeginn:
Die erste Silbe eines Textabschnitts oder Unterabschnitts gehört immer zur ersten Note einer musikalischen Phrase. Dies belegen nicht nur die vielen Zuordnungslinien in Ox an solchen Stellen, wo die Zuordnung nicht eindeutig gewährleistet
ist, weil aus Platzmangel Verschiebungen auftraten [400]. Untersuchungen an anderen musikalischen Quellen kommen zu dem Ergebnis, dass die später schriftlich fixierten Regeln zu Abschnittsbeginn und -ende in bestimmten
Repertoires des 15. Jahrhunderts meistens beachtet werden [401]. Die Anordnung einzeln stehender Wörter zeigt in den besseren Quellen aus dieser Zeit mit einiger Wahrscheinlichkeit den tatsächlichen Unterlegungsort an, sofern
der Kopist bei der Zuordnung nicht die Orientierung verloren hat [402].
Abschnittsende:
Die letzte Silbe eines Textabschnitts gehört in vielen Fällen - nach den Angaben des Kopisten von Ox zu schließen - offensichtlich zur letzten Note eines musikalischen Abschnitts, und man ist geneigt, dies als eine allgemein gültige Regel
anzusehen [403]. Die Fälle, in denen bei einem längeren Melisma am Phrasenende die letzte Silbe nicht vom übrigen Text abgetrennt und der letzten Note zugeordnet ist, könnte man als Nachlässigkeiten des Schreibers
interpretieren. Dafür spricht, dass die jeweils ersten Phrasen einer textierten Stimme, wo derartige, eindeutige Zuordnungen besonders oft vorkommen, genauer als der weitere Ablauf eines Stückes notiert sind. Allerdings finden sich auch wenige
Gegenbeispiele am Anfang von Kompositionen, und dadurch wird eine solche Verallgemeinerung fragwürdig. Die abgeschwächte Form der These, dass je nach Charakter der Komposition die letzte Silbe einer Phrase durchgängig auf die letzte Note gehöre
oder durchgängig nicht, wird durch so souverän notierte Werke wie Johannes de Quatris' Magnificat (f. 13v-14) widerlegt: Hier wird man sich an die Vorgabe des Kopisten halten und das Melisma manchmal auf der Ultima und manchmal auf der
Pänultima eines Abschnitts ansetzen [404].
Andere Quellen belegen die Gültigkeit der Regel dadurch, dass die letzten ein bis zwei Silben vom restlichen Text des Abschnitts abgetrennt in der Nähe der letzten Note stehen [405]. Der Kunstgriff, die
letzten Töne in Ligatur zu schreiben, gibt dem Kopisten die Möglichkeit explizit anzuzeigen, dass die letzte Silbe nicht auf den letzten Ton eines Abschnitts auszusingen ist. Den Versuchen, Belege für die Ausführung von Phrasenenden in den Quellen
zu finden, stehen musikalische Überlegungen gegenüber. So wurde beispielsweise angeregt, dass, wenn auf eine abgeschlossene Kadenz noch ein Endmelisma folgt, die letzte Silbe trotzdem auf den Kadenzton, der dann nicht der letzte Ton der Phrase ist,
fallen solle, oder dass es zugunsten der Akzentuierung eventuell besser sein könne, die letzte Silbe auf den vorletzten Ton einer Phrase zu setzen [406]. Solche Überlegungen können durchaus hilfreich sein, wenn es darum geht, in
den Angaben der Kopisten die Intention des Komponisten zu erkennen. Die Andeutungen in den besseren Quellen werden normalerweise dem Ergebnis einer Analyse der Musik nicht unerklärlich widersprechen, falls diese nicht unter falschen Voraussetzungen
durchgeführt wurde. Denn wenn der Komponist die Betonung des Textes grundsätzlich nicht beachtet, dann wird man nicht zugunsten einer besseren Akzentuierung die Zuordnung einer bestimmten Silbe verändern.
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